Die Augen der Frau öffnen sich. Ihr letzter Anblick war die sich schließende Luke der Kältekapsel gewesen, als diese sich mit dem Kryo-Gel füllte und die Chemikalien, die über diverse Schläuche in ihren Arm gelangten, sie langsam in einen tiefen Schlaf dahindämmern ließen. Was sie jetzt sieht, hat sie definitiv nicht erwartet.
Vor ihr erstreckt sich bis zum Horizont ein weites Meer, dass eine seltsame rötliche Färbung aufweist. Sie steht an einem Strand. Sie blickt sich verwirrt um. Am Himmel über ihr scheint das Licht von zwei Sonnen auf sie herab. Doch der Anblick hinter ihr ist noch weitaus verstörender für die junge Frau.
Ein riesiger fremdartiger Wald ist dort. Dieser hat nichts mit den Wäldern der Erde gemein, die sie so kennt und liebt. Ein dichtes Geflecht aus roten, orangenen und violetten Pilzen und anemonenartigen Gewächsen schiesst zum Teil in enorme Höhen und der gesamte Boden ist mit irgendeiner Art Moos von ebenfalls orange-violetten Farbe bedeckt .
Wo ist sie hier und wie ist sie hierher gekommen?
Während sie noch versucht, die Situation zu erfassen, gesellt sich ein neues Geräusch zum Rauschen der Wellen hinzu. Flüsternd ertönt eine Vielzahl von tausenden Stimmen. Zunächst in einem chaotischen Durcheinander verschmelzen sie schnell zu einer harmonischen Gesamtheit. Die Frau hört, wie ihr Name gerufen wird.
Bevor sie antworten kann, entdeckt sie zwischen dem Fungus eine Gestalt stehen. Sie rennt los. Will die Gestalt erreichen. Will Antworten erhalten. Doch egal, wie schnell sie rennt, sie kommt der Gestalt und dem Fungus nicht näher. Sie stoppt. Die Stimme ruft weiter ihren Namen. Dann eine Frage: "Warum bist du hier?"
Die Frau stockt. Sucht nach einer Antwort. Schließlich sagt sie - leicht unsicher - : "Erkundung".
Die Stimme verstummt. Die Gestalt beobachtet sie weiter. Sie versucht, zu erkennen, wer oder was da steht. Aber je mehr sich die Frau konzentriert, umso unschärfer wird das Bild.
Plötzlich klettert eine eisige Nässe an ihrem Bein hoch. Ihr Blick geht schreckhaft nach unten. Sie steht im Wasser. Und es steigt. Sie blickt wieder hoch. Der Wald ist verschwunden. Das Land ist > > verschwunden. Egal wohin sie blickt: Nur dieses verdammte rote Meer bis zum Horizont. Das Wasser steigt weiter. Sie will weg. Versucht zu laufen. Zu schwimmen. Alles vergeblich. Das Wasser > erreicht > ihr Kinn. Sie reckt den Kopf. Will das Unvermeidliche hinauszögern. Sie ist vollständig unter der Oberfläche. Das Licht der Sonnen verblasst. Ihr geht die Luft aus.
Ist das das Ende?
Lieutenant Kaito Ito blickt gegen das Glas der Kältekapsel, als er erwacht. Das Kryo-Gel hat sich bereits wieder verflüssigt und wird gerade abgepumpt. Er erinnert sich an sein Training und atmet tief durch, bis sich sein Herzschlag beruhigt und die erste Desorientierung gelegt hat. Er nimmt das Atemgerät ab, zieht die Infusionsschläuche aus seinem Arm, stemmt seine Hand gegen die Glasluke und richtet sich langsam auf.
Draußen empfängt ihn stille Finsternis. Das gesamte Kältedeck wird nur durch die spärliche Notbeleuchtung in ein dunkles blaues Licht getaucht, lediglich unterbrochen von dem pulsierenden Rot einiger Warnlampen an den Wänden. Etwas stimmt hier nicht.
Er hört ein Zischen und sieht in unmittelbarer Nähe von sich die Türen von zwei weiteren Kältekapseln aufklappen. Mit unsicheren und steifen Bewegungen erheben sich die Männer, die in Ihnen gelegen haben und schauen sich verwirrt um, bis ihr Blick auf Ito hängenbleibt.
Ansonsten ist kein Mensch weit und breit zu sehen. Sind sie drei etwa die einzigen, die aufgewacht sind? Was ist mit dem Rest?
Sie klettern mühsam aus den Kapseln. Der Auswirkungen vom Kälteschlaf sind doch deutlich anstrengender, als die Infobroschüre von Morgan Industries behauptet haben. Ito öffnet den Metallschrank am Fuß seiner Kältekammer und holt seine Uniform der UN-Friedenstruppen heraus, um sich anzuziehen. Einer der beiden anderen Männer tut es ihm gleich und kommt auf ihn zu. Der Mann trägt die weiß-beige Uniform der Schiffsbesatzung. Die gelben Farbakzente zeigen Ito, dass es sich um ein Mitglied der Tecknick-Sektion handeln muss. Er blickte auf die Rangabzeichen und das Namensschild: Chief Petty Officer Carl Walsh. Der dritte Mann kommt ebenfalls hinzu. Er hat sich noch nicht angezogen, sondern blickt die beiden einfach nur fragend an: "Was ist hier los?"
Bevor Kaito zu einer Antwort ansetzen kann, vernehmen die drei plötzlich ein wildes Klopfen und Hämmern. Sie versuchen, den Ursprung zu lokalisieren. Kommt das etwa aus einer der Kapseln?
Sie eilen los und entdecken tatsächlich eine Kältekapsel, wo eine Frau in wilder Panik gegen das Glas schlägt. Das Herz von Kaito stockte kurz: Anscheinend ist die Kapsel defekt. Die Flüssigkeit wird nicht abgepumpt und die Tür öffnet sich nicht Außerdem hat die Frau ihr Atemgerät nicht mehr auf dem Gesicht: Sie ertrinkt!
Die Männer zögern nicht. Gemeinsam ziehen sie an der Tür. Insbesondere der Unbekannte scheint trotz des langen Kälteschlafs über eine enorme Kraft zu verfügen und seine Muskeln zeichnen sich deutlich im schummrigen Licht ab. Ito zweifelte nicht, dass der Mann wahrscheinlich auch alleine diese Luke aus den Angeln reißen könnte.
Mühelos gelingt es ihnen, die verklemmte Tür zu öffnen. Der starke Mann greift beherzt in die Kapsel und zieht die Frau mit einem Ruck aus der Flüssigkeit. Es dauerte eine Weile, bis sie aufhört, panisch nach Luft zu ringen. Nachdem sie sich beruhigt und ein heiseres "Danke" gekeucht hat, greift sie ebenfalls nach ihrer Uniform. Auch der Mann hat sich mittlerweile angezogen.
Kaito mustert die Beiden: Ein blauer Overall, wie er von den Kolonisten getragen wird. Der Name des Mannes ist Fred Krayenborg. Die Frau wiederum trägt ebenfalls eine Uniform der Crew, aber ohne Rangabzeichen und mit grünen Farbakzenten. Sie muss zu dem Team der Botaniker und Biologen von Deidre Skye gehören. Sarah Jaydon steht auf ihrem Namensschild.
Der Techniker hat mittlerweile sein PDA gestartet und studiert mit zunehmenden Sorgenfalten das Display. Nach einigen Minuten blickt er auf : "So wie es aussieht, gab es beim Eintritt in das Alpha-Centauri-System eine Kollision und einen oder mehrere Hüllenbrüche auf dem Schiff. Der Fusionsreaktor ist heruntergefahren und der Antrieb offline. Außerdem sind zahlreiche Computersysteme ausgefallen oder weisen Fehlfunktionen auf." Er blickte kurz auf sein Vitalarmband, dass er wie alle anderen Menschen auf diesem Schiff trägt: "Auch das System zur Überwachung der Vitalzeichen ist abgestürzt und startet nicht mehr. Ich kann nicht sagen, wie hoch die Anzahl möglicher Oper ist oder wie viele weitere Menschen aufgeweckt wurden."
Der Lieutenant schaut nachdenklich in die Runde: "Das Notfallprotokoll sieht in so einem Fall zunächst die Erweckung des Captains und der Führungsoffiziere vor. Warum sind wir wach?"
Die ratlosen Gesichter der anderen zeigen ihm, dass sich diese Frage hier nicht lösen lässt. "Wir müssen zur Brücke.", stellt er fest und erntet keinen Widerspruch. Gemeinsam gehen die vier zum Ausgang des Kältedecks. In dem dort befindlichen Wartungsschrank greift Kaito nach einem Erste-Hilfe-Set, dass er an seinem Gürtel befestigt. Er befürchtet, dass sie es wohl noch brauchen werden. Neben ihm greift Fred Krayenborg direkt nach einer Werkzeugtasche und einem Schallhammer. Es muss sich bei dem Kolonisten wohl ebenfalls um einen Mechaniker oder etwas in der Art handeln.
Die Tür zum Flur gleitet auf. Dieser erstreckt sich ebenfalls dunkel und verlassen vor ihnen. Der Techniker und der Soldat gehen voran, gefolgt von dem Kolonisten.
Sarah folgt den drei Männern stumm und registriert nebenbei die Anschlüsse eines Mensch-Maschine-Interfaces im Genick des Technikers.
Sie wandern durch die Gänge des Schiffs auf dem Weg zur Brücke. Eine Totenstille herrscht auf dem Schiff, nur unterbrochen von ihren eigenen Schritten und kurzen Gesprächen. Nachdem sie bei einer T-Kreuzung nach rechts abgebogen sind, schaut Sarah automatisch in den Flur hinter ihnen.
Eine leicht gebeugte Gestalt läuft dort schwerfällig in ihrel Richtung. Sarah gibt den anderen ein Zeichen, stehen zu bleiben. Die Person holt auf. Es ist Commander Prokhor Zakharov, der leitende Ingenieur und Wissenschaftler.
Verwundert blickt Zakharov die Gruppe an: "Was machen Sie denn hier?" Der Soldat antwortet: "Das wissen wir auch nicht genau. Offenbar gibt es Probleme mit dem Schiff und auch mit den Kryokapseln. Wir wurden als Einzige auf unserem Kältedeck aufgeweckt und die Frau hier wäre fast gestorben."
Der Techniker vervollständigt den Bericht noch um seine Erkenntnisse. Der alte Russe blickt ernst drein. "Wir müssen sofort zur Brücke. Der Captain wird bestimmt auch schon dort sein. Kommen Sie mit!"
Commander Zakharov betritt die Brücke. Die anderem folgen ihm.
Verwirrt und neugierig zugleich blickt sich Fred um. Die Brücke ist vollgestopft von Monitoren und Computern. An einer Wand werden im Wechsel Aufnahmen der zahlreichen Überwachungskameras, die im ganzen Schiff verteilt sind, übertragen. Auf anderen wiederum erscheinen diverse Berichte zum Status des Schiffs. Die meisten davon leuchten in unheilvollem Rot.
Auf der Brücke stehen zwei Männer und eine Frau. Fred kennt die Gesichter aus den Nachrichten und von der feierlichen Ansprache vor dem Start der Unity. Captain John Garland, die führende Biologin Deidre Skye und Pravin Lal, der von den Vereinten Nationen als Gouverneur für den neuen Planeten ausgewählt wurde.
Fred fragt sich, was er hier nur macht. Er wollte doch einfach nur weiter schrauben und Dinge reparieren. Anpacken und mithelfen, eine neue Welt aufzubauen. Das Chaos der Erde hinter sich lassen. Und jetzt steht er hier zwischen all den hohen Offizieren und Fremden und versucht zu verstehen, was mit ihm passiert.
Captain Garland dreh sich um, als die Gruppe eintrifft: "Ah, Prokhor. Gut das Sie zu uns stoßen..." Er stockt, als er Fred und die anderen erblickt: "Moment, was machen Sie denn hier?"
Lieutenant Ito zuckt entschuldigend mit den Schultern und wiederholt die Erklärung, die er auch schon Zakharov gab.
Garland blickt sich nachdenklich um: "Nun, Sie sollten nicht hier sein rein und dafür fehlt Commander Yang. Wissen Sie etwas über seinen Verbleib?" Alle Anwesenden schütteln den Kopf. Niemand hat den Sicherheitsoffizier der Unity gesehen oder Informationen über seinen Aufenthalt.
Der Captain seufzt merklich: "Wenn doch wenigstens die Vitalzeichen- oder Kryo-Überwachung korrekt funktionieren würde. Gut, das bringt uns nicht weiter. Wir klären das später. Zunächst das Wichtigste." Er wendet sich an Zakharov und Walsh: "Wie ist der aktuelle Status des Schiffs?"
Die beiden geben eine Übersicht über die aktuelle Situation, die Fred weiter ernüchtert: Durch den Ausfall des Reaktors und des Antriebs ist die Unity immer noch zu schnell, um die Landekapseln abzukoppeln und zudem auf einem Kurs, der sie weit an Chiron vorbeiführen wird. Ihnen bleiben vier Tage, um die Probleme zu beheben, ansonsten werden sie wieder aus dem Alpha Centauri System hinausfliegen und jahrzehntelang durch All irren, ehe sich vielleicht eine neue Chance für einen Anflug ergibt.
Besondere Bestürzung unter den den Anwesenden löst die Analyse von Chief Walsh bezüglich der Ursache für die Kollision aus: In dem Moment, als das Schiff herannahende Gesteinsbrocken registrierte und ein Ausweichmanöver einleitete, fiel die zentrale Energieverteilung der Manövriertriebwerke inklusive aller Redundanzsysteme gleichzeitig aus. Ein Umstand, der nach übereinstimmender Einschätzung von Walsh und Zakharov unmöglich ein Zufall sein kann.
Zakharov beharrt darauf, weitere Teile der technischen Crew zu wecken, um unverzüglich mit den notwendigen Reparaturen zu beginnen. Nach einigem Zögern stimmt der Captain letztlich zu.
Lieutenant Ito, Chief Walsh, Sarah Jaydon und Fred werden von Garland ausgesandt, um eine erste Einschätzung des Schadensausmaßes vor Ort durchzuführen und die Ursache für den Ausfall der Manövriertriebwerke zu untersuchen. Außerdem sollen sie die Kältekapsel von Commander Yang überprüfen.
Fred ist erleichtert. Endlich hört das Gerede auf und es wird angepackt. Wenigstens hat er jetzt eine Chance, etwas nützliches beizutragen. Ob es reichen wird?
Kältedeck 7 liegt genauso verlassen im Dunkeln, wie der Rest des Schiffs. Sarah überkommt ein leichtes Frösteln. Dieses Schiff gleicht mehr einem Friedhof und die Kältekammern Särgen. Fast wäre eine dieser verdammten Kapseln ihre letzte Ruhestätte geworden. Sie sehnt sich nach der Natur zurück; will dieses Monstrum aus kaltem Metall endlich hinter sich lassen.
Die vier gehen langsam die lange Reihe an Kältekammern entlang, bis sie schließlich an der von Commander Yang ankommen. Sie steht offen. Und ist leer. Vom Sicherheitschef fehlt jede Spur. Der Techniker - Sarah ruft sich seinen Namen in Erinnerung: Carl - dreht sich zu den anderen um: "Zumindest scheint er am Leben zu sein. Aber wo ist er hin?"
Der Kolonist, Fred, geht unvermittelt zum Fußende der Kapsel und beugt sich über das Metallschrank. Er ist noch verschlossen. Er greift in seine Werkzeugtasche und mit wenigen geübten Handgriffen ist der Schrank offen. Sarah bemerkt aus dem Augenwinkel, dass der japanische Lieutenant kurz leicht missbilligend dreinschaut, sich dann aber neugierig den Inhalt ansieht.
Die Uniform und die persönlichen Gegenstände des Commanders sind noch alle da.
"Warum sollte er ohne seine Uniform und sein PDA weggehen?", spricht Ito die offensichtliche Frage aus.
Sarah blickt sich weiter auf dem Kältedeck um. "Er ist nicht der Einzige, der hier aufgewacht ist", erklärt sie und zeigt auf etwa ein Dutzend weiterer Kapseln, die weiter hinten offen stehen. Sie geht in die Hocke und mustert die Spuren von Kryo-Flüssigkeit auf dem Boden. "Offenbar haben diese alle zunächst Yangs Kapsel angesteuert. Danach sind sie gemeinsam Richtung Ausgang gegangen."
Carl betrachtet die Informationen auf seinem PDA: "Das sind alles Angehörige der Schiffssicherheit gewesen." Er blickt auf die offen stehenden Metallschränke: "Und die haben ihre Ausrüstung mitgenommen."
Der Soldat tritt neben ihn und betrachtet die Anzeige: "Wurde er etwa entführt? Das ergibt doch keinen Sinn." Sarah registriert kurz die automatische Bewegung der Hand des Mannes an den Gürtel, wo sonst wahrscheinlich sein Holster befestigt ist.
Er schickt einen Statusbericht an den Captain und bittet aufgrund der unklaren Lage um Zugang zum Waffendeck, was Garland jedoch brüsk zurückweist. Ein Ausdruck der Resignation huscht kurz über sein Gesicht. Dann hat er sich wieder unter Kontrolle und bedeutet den anderen, weiterzugehen.
Beim Anblick des mächtigen Fusionsreaktors der Unity ergreift ein kurzer Anflug von Ehrfurcht Besitz von Carl. Es wird aber schnell von dem Bedauern abgelöst, dieses einst so stolze Wunderwerk des menschlichen Einfallsreichtums in einem solchen quasi-toten Zustand vorzufinden. Eine nähere Analyse hebt seine Stimmung auch nicht mehr: Es sind zahlreiche Komponenten und Schaltkreise durchgebrannt und müssen ausgetauscht werden. Allein die notwendigen Ersatzteile aus den Frachträumen herzuschaffen und die defekten Teile auszubauen wird eine Vielzahl von Leuten mindestens einen Tag beschäftigen.
Carl schüttelt gegenüber den anderen entschuldigend den Kopf. Hier können sie unmittelbar nichts ausrichten. Er schickt seine Analysedaten an Commander Zakharov, damit dieser den Einsatz der Ingenieure koordinieren kann.
Dann ruft er auf seinem PDA den kürzesten Weg zum ausgefallenen Energieverteiler der Manövriertriebwerke auf, dass diesen ganzen Schlamassel verursacht hat.
Die vier bleiben vor einer Wartungsklappe in einem Flur stehen. "Hier ist es.", bemerkt der Chief. Fred macht sich sofort daran, die Klappe zu öffnen und versinkt halb im Inneren. Kaito versucht an ihm vorbeizuspähen. Er erblickt einige Brandspuren. Fred fängt an zu sprechen: "Alles durchgebrannt: die Relais, Kabel und Platinen. Der gesamte Verteiler ist offenbar nur noch schrott... Moment... Was ist das?" Er greift nach seinem Werkzeug und scheint irgendwas auszubauen. Nach kurzer Zeit kommt er wieder hervor. In seiner Hand hält er einen kleinen eckigen Apparat, der völlig verbrannt ist. Kaito mustert das Gerät. Er erblickt eine Uhr, Zünder und aufgeplatzte Röhren. "Offensichtlich hat das den Brand verursacht.", stellt er trocken fest. Als Fred das Gerät umdreht und eine Zeichnung auf der Hülle zum Vorschein kommt, verfinstert sich Kaitos Gesicht. Er hat es schon einmal gesehen. "Das ist das Symbol der Children of Earth.", erklärt der den anderen. "Über sie wurde bei dem Sicherheitsbriefing vor dem Start berichtet. Es handelt sich um eine global agierende terroristische Gruppe aus Verschwörungstheoretikern und radikalen Umweltschützern. Sie lehnten das UNITY-Projekt vehement ab und Ihnen wurden diverse Anschläge auf den Bau zugeschrieben."
Carl scheint über etwas nachzugrübeln. Dann sagt er: "Dieses System wurde - wie andere zentrale Systeme auch - unmittelbar vor dem Start einer finalen technischen Kontrolle unterzogen. Dabei hätte dieses Gerät sofort auffallen müssen. Entweder hat es die Person, die die Kontrolle vorgenommen hat oder jemand anderes danach installiert. Der Saboteur muss noch hier an Bord sein."
Die Gruppe schaut sich betroffen an. Kaito greift zum Funkgerät, um den Captain zu informieren. Garland ist bestürzt: "Sabotage. Sind sie absolut sicher, Lieutenant? Das ist ja furchtbar." Kaito entgegnet: "Daran besteht meines Erachtens leider wohl kein Zweifel, Sir. Wir werden das Gerät für Commander Zakharov zur weiteren Analyse mitbringen. Wir checken vorher nur noch kurz den Bereich, wo die vermuteten Hüllenbrüche sind." Die Stimme des Captain wirkt müde und etwas abwesend: "Ähh... sicher... fahren Sie fort. Lieutenant. Garland, Ende."
Kaito atmet einmal tief durch. Kann dieser Tag eigentlich noch schlimmer werden?
"Dieser Tag wird echt immer schlimmer.", denkt Fred, als sich die Tür zum Kältedeck öffnet und ein heftiger Luftzug an ihnen zerrt. Glücklicherweise waren sie so umsichtig gewesen, sich vorher Raumanzüge anzuziehen und das das Zwischenschott im Gang hinter ihnen zu schließen.
Der gesamte Raum gleicht einem Trümmerhaufen. Nur noch einige wenige Lampen verbreiten ein flackerndes Licht. An verschiedenen Stellen haben kleine Gesteinsbrocken die Außenhülle wie Schrot durchschlagen. Auch einige der Kältekammern wurden getroffen. Durch die Löcher entweicht weiter die Luft. "Wir müssen das stoppen!", hört Fred den Lieutenant durch den eingebauten Funk der Raumanzüge sagen. Er schaut sich um. Genau für solche Aufgaben ist er hier. Mit dem routinierten Blick eines leidenschaftlichen Bastlers analysiert er die ihm zur Verfügung stehenden Materialen. Dann geht er auf die Knie und fängt an, einige der Bodenplatten loszuschrauben. Eine Schläge mit dem Schallhammer später sind die Löcher notdürftig geflickt. Fred blickt stolz auf sein Werk: "Für's Erste sollte das funktionieren. Aber Zakharov sollte besser noch ein paar Leute mit Schweißgerät herschicken." Carl nickt und schickt eine Meldung mit seinem PDA ab.
Sie fangen an, die Kammern zu überprüfen. Beim Anblick der darin enthaltenen Masse aus Kryo-Flüssigkeit, Blut und den Überresten der Insassen, dreht sich Fred der Magen um. Hier kommt jede Hilfe zu spät. Die vier verteilen sich. Die Ergebnisse bleiben ernüchternd. Die Menschen hier hatten keine Chance. Plötzlich hört Fred den Lieutenant sprechen: "Haben Sie etwas entdeckt?" Er dreht sich um. Kaito blickt zu Sarah, die neben einer Kammer stehen geblieben ist und mit ausdruckslosem Gesicht hineinstarrt. Die drei Männer gehen zu Sarah. In der Kammer liegt eine rothaarige Frau. Schwer verletzt, aber - wie durch ein Wunder - noch am Leben! "Das ist Miriam Godwinson, die Schiffspsychologin", bemerkt Carl. Die Gruppe verharrt einen weiteren Moment, bis sie sich endlich besinnt. "Wir müssen sie verarzten!", ruft Kaito aus und greift nach seinem Erste-Hilfe-Set. Sarah nimmt es ihm aus der Hand: "Ich erledige das. Ich bin dafür wohl besser qualifiziert", erklärt sie in leicht herablassenden Tonfall. Fred und Kaito ziehen Godwinson aus der zerstörten Kältekammer und Sarah beginnt fachmännisch mit der Wundversorgung. "Sie ist stabilisiert, aber muss dennoch dringend zur Krankenstation", erklärt sie schließlich. Kaito blickt auf die am Boden liegende Frau. "In Ordnung, wir brechen die weitere Schadensuntersuchung vorerst ab und bringen sie zur Medizin."
Gemeinsam machen sie sich auf den Rückweg.
Pravin Lal und der Captain erwarten sie bereits auf der Krankenstation. Während Lal sich um Godwinson kümmert und Lieutenant Ito sich kurz mit Garland unterhält, wendet Carl sich dem nächsten Computerterminal zu. Er will endlich wissen, warum ausgerechnet sie vier früher aufgeweckt wurden. Er greift in seine Tasche und holt ein Datenkabel heraus. Das eine Ende steckt er in einen Anschluss am Terminal, das andere in sein Interface-Anschluss im Genick. Er genießt kurz das Gefühl des Eintauchens, was er jedes Mal so liebt. Dann beginnt er, in atemberaubender Geschwindigkeit die Logfiles der Schiffs und auch den Quellcode der Systeme nach Anomalien zu durchforsten. Vor seinen Augen explodiert eine bunte Flut aus Milliarden Daten. Chaotisch und doch voller Harmonie. Schöner als jeder Sonnenaufgang. Wer auch immer die Systemarchitektur der Unity entworfen hat, war ein wahrer Künstler. Nach kurzer Suche wird er tatsächlich fündig. Das ist es! Er entdeckt eine Subroutine, die in das Aufweckprogramm eingeschleust wurde. Er analysiert die Funktionen und verzieht abfällig das Gesicht: Was für ein verdammter Stümper! Das eingeschleuste Programm enthält die Anweisung, einen bestimmten Personenkreis vor dem Rest der Mannschaft aufzuwecken, wurde aber schlampig programmiert. Die fehlerhafte Zeile springt ihm förmlich ins Auge und beleidigt seinen Sinn für Ästhetik. Der Angreifer war noch nicht einmal in der Lage, seine Spuren vernünftig zu verwischen. Carl gelingt es, die Speicherbereiche, wo sich die gelöschten Daten befanden, wiederherzustellen und die Benutzerkennung abzurufen, über die das Programm eingeschleust wurde.
Er zieht das Kabel aus seinem Nacken und kehrt zurück in die Realität. Um ihn herum stehen Lieutenant Ito, Sarah und Fred. Sie blicken ihn erwartungsvoll an: "Etwas herausgefunden?", fragt Fred. Carl nickt, blickt sich verstohlen zum Captain und Lal um, die sich in einiger Entfernung bei der bewusstlosen Godwinson unterhalten und berichtet ihnen im Flüsterton von seiner Entdeckung. "Also war es kein Zufall. Wer steckt dahinter?", fragt Ito. "Laut den Daten war es Lieutenant Corozan Santiago von der Schiffssicherheit.", antwortet Carl. Fred blickt die anderen verunsichert an: "Sollten wir das nicht dem Captain berichten?" Sarah, die bis dahin stumm zugehört hat, schaltet sich in das Gespräch ein: "Und was, wenn der Captain da auch mit drinsteckt? Wir wissen doch gar nicht, wem wir hier noch vertrauen können." Die anderen drei sehen sie bestürzt an, widersprechen aber nicht. Carl kann förmlich spüren, wie der Lieutenant mit sich hadert. Dann trifft Ito eine Entscheidung: "Sarah hat recht. Wir müssen vorsichtig agieren und benötigen mehr Informationen. Und wir müssen zum Waffendeck. Keine Ahnung, ob diese Santiago alleine agiert oder auch zu den Children of Earth gehört. Aber das Schiff und alle Menschen darauf schweben in Gefahr. Wir müssen handeln." Fred schaut ihn erstaunt an: "Ich dachte, die Waffenkammer ist versiegelt und der Captain hat die Öffnung untersagt?" Der Soldat zuckt mit den Schultern: "Nun, wir müssen eh unsere Bestandsaufnahme der Schäden fortsetzen. Ein kleiner Umweg zur Kontrolle kann da nicht schaden." Er wirft einen Seitenblick zu Carl: "Und ich glaube, ich kenne jemanden, der vermutlich reinkämme."
Die vier melden sich beim Captain ab und ziehen los. Beim Herausgehen kommt Carl kurz ein Gedanke: "Fängt so Meuterei an?" Er verwirft ihn genauso schnell, wie er kam.
Vor ihnen erstreckt sich einsam der Gang, der zur Waffenkammer führt. Lieutenant Ito geht voraus mit Carl. Fred folgt den beiden. Sarah geht hinter ihnen und scheint in Gedanken versunken. Fred gefällt das Ganze nicht. Er hat sich auf diese Mission doch nur eingelassen, um der Gewalt der Erde endlich zu entfliehen. Un nun wollen Sie sich bewaffnen und das auch noch gegen den ausdrücklichen Befehl des Captain! Fred begreift die Notwendigkeit des Handelns des Lieutenant. Aber schön finden muss er es ja trotzdem nicht. Sie sind nur noch wenige Meter von dem Zugang zur Waffenkammer entfernt. Die Energieversorgung in diesem Teil des Schiffs in instabil un die Notbeleuchtung flackert unregelmäßig. Die Tür vor ihnen ist schlecht zu erkennen. Fred kneift die Augen angestrengt zusammen: Steht die etwa offen? Plötzlich geht alles sehr schnell. Ito bemerkt zuerst den grünen Lichtstrahl, er mitten auf seine Brust zeigt. Er ist bereits dabei, sich in einer fließenden Bewegung wegzuducken, als der erste Feuerstoß ertönt. Zu langsam. Fred sieht Blut aus der Schulter von Ito aufspritzen. So ein Mist, denkt sich Fred. Die Terroristen haben sich also bereits Zugriff auf die Waffen verschafft! Sie sind zu spät! Er blickt zurück. Der lange Flur bietet keine Deckung. Bis zur Tür der Waffenkammer dagegen wäre es nur ein kurzer Sprint. Die vier rennen los. Eine weitere Gewehrsalve peitscht an ihnen vorbei, verfehlt sie aber wie durch ein Wunder.Sie schaffen es bis zur Tür. Der Schütze hat sich in den Raum dahinter zurückgezogen. Fred drückt sich and die Wand links von der Tür. Auf der anderen Seite stehen Ito und Carl. Freds Herz schlägt wie wild. Er erhascht einen Blick auf Ito. Der Lieutenant verzieht trotz der Wunde in seiner Schulter keine Miene und atmet ruhig. Sarah bewegt sich unvermittelt zum offenen Türspalt und späht in den Raum. Ihr Kopf schnellt ruckartig zurück, als weitere Projektile nur knapp an Ihre vorbeizischen. Sie sieht die anderen an: "Sie zu zweit. Der Rechte trägt ein Sturmgewehr, der Linke hat eine Pistole." Fred ist beeindruckt. Soviel Mumm hätte er der Kleinen nicht zugetraut. Er greift nach seinem Schallhammer. Carl blickt ihn entgeistert an: "Was hast du vor? Die haben Schusswaffen. Du nur einen Hammer!" Ito schüttelt den Kopf: "Wir haben keine Wahl. Zurückgehen können wir nicht und ich will nicht warten, bis die eine Granate herauswerfen. Wir gehe rein!" Sarah denkt kurz nach. Dann sagt sie: "Ich habe eine Idee. Aber ihr müsstet die Kerle für einen kurzen Moment ablenken." Carl meldet sich aufgeregt zu Wort: "Wie wäre es mit dem Brandbekämpfungssystem? Ich könnte es in dem Raum auslösen. Der Gasknall wird sie nicht ausschalten, aber sollte für die gewünschte Ablenkung sorgen." Ito nickt: "Dann los." Carls Hände fliegen förmlich über das Display von seinem PDA. "Bereit, Lieutenant." Die vier blicken sich noch einmal kurz in die Augen. Carl drückt den Auslöser. In dem Raum ertönt ein Knall.
Fred und Ito ziehen die Tür weiter auf und Sarah huscht zwischen ihnen hindurch. Sie steht den bewaffneten Männern direkt gegenüber und blickt ihnen in die Augen. Ein kurzer Moment der Konzentration. Dann befiehlt sie mit fester Stimme: "Waffen fallen lassen!"
Fred reißt erstaunt die Augen auf, als der Mann mit der Pistole sie tatsächlich fallen lässt. Auch der Mann mit dem Gewehr scheint kurz verwirrt zu sein, kann dem Befehl aber widerstehen. Es verschafft Fred die Zeit, die er braucht. Mit dem Mut der Verzweiflung stürmt er voran. Er schwingt seinen Schallhammer und schlägt mit aller Kraft zu. Er trifft den mann mit dem Gewehr in der Magengegend. Ein widerliches Geräusch von brechenden Knochen und platzenden Organen lassen Fred erschaudern. Der Mann wird mehrere Meter zurückgeschleudert. Entsetzt blickt Fred auf sein Werk. Er hatte den Mann doch nur außer Gefecht setzen wollen. Nicht töten!
Neben ihm stürmt Ito auf den anderen Mann zu und reißt ihn mit einem Sprung von den Beinen. Der Mann versucht sich zu wehren, doch Itos Arme haben ihn wie ein Schraubstock fixiert. Sarah hebt das Gewehr auf und verpasst dem Mann mit dem Kolben einen Schlag auf den Kopf, der er ihn bewusstlos zusammensacken lässt.
Carl tritt hinter ihnen in die Waffenkammer und betrachtet das Chaos: "Was für eine..."
Paul Landon schüttelt den Kopf. "Was für eine verdammte Sauerei!", meint er als er mit weiteren Ingenieuren aus Zahkarovs Team die Waffenkammer betritt. Kaito nickt, während Sarah ihm gerade die Schulter verbindet: "In der Tat. Ich wünschte, wir hätten das vermeiden können." Er wirft einen besorgten Blick zu Fred. Kaito ist schlimme Anblicke gewohnt, aber für den Mechaniker muss das Erlebte traumatisch gewesen sein. Hätten sie doch nur Zeit für eine Pause. Kaito fühlt sich erschöpft: 40 Jahre Kälteschlaf und dann so ein Tag. Er sehnt sich nach einem Bett. Aber vorher müssen sie noch was erledigen. Er gibt Carl Walsh ein Zeichen. Gemeinsam gehen sie die Regale voller Waffen entlang, die sich weit hinaus in die Dunkelheit des Decks erstrecken. Pistolen, Sturm-, sogar schwere Maschinengewehre sind dort sorgsam aneinandergereiht. Als Kaito bei den Splitterwaffen ankommt, verzieht er das Gesicht. Eine relativ neue Entwicklung von Morgan Industries, basierend elektromagnetischer Beschleunigungstechnologie, die elektrisch leitfähige Projektile mit hoher Geschwindigkeit und Präzision verschiesst. Die Waffen sind bei seinen Kameraden aufgrund der schweren Verletzungen, die sie verursachen, gefürchtet. Doch Kaito bevorzugt weiterhin die technisch simpleren Gewehre mit Schießpulver aufgrund ihrer einfacheren Wartbarkeit. Nachdem sie ihren Rundgang beendet haben, macht der Chief ein ernüchtertes Gesicht: "Es fehlen insgesamt 56 Sturmgewehre, 13 Splittergewehre, 60 Splitterpistolen und ein Dutzend Granaten." Kaito stößt einen leisen Pfiff aus. Das ist nicht gut. Er greift sich eines der Sturmgewehre und eine Pistole aus den Regalen. Fred Krayenborg macht ein erstauntes Gesicht: "Dürfen wir das denn?" Carl zuckt mit den Schultern und greift sich ebenfalls eine Pistole: "Nun, die anderen haben ja auch Waffen." Er steckt sich die Pistole ein und schmunzelt: "Und wenn der jemand fragt, haben halt noch ein paar Waffen mehr gefehlt." Kaito zeigt sich etwas irritiert über den Kommentar, sagt aber nichts dazu. Stattdessen greift er sich eine Schutzweste und zieht sie an. Die anderen tun es ihm gleich. Ermutigt durch den Kommentar von Carl Walsh greift sich nun auch Fred einen Rucksack und stopft diverse Granaten hinein. Dann nimmt er einen Teleskopschlagstock und reicht ihn Sarah: "Nachdem, was da vorhin passiert ist, glaube ich zwar, dass du sowas eigentlich nicht brauchst, aber schaden kann es trotzdem nicht." Sie nimmt den Schlagstock stumm entgegen und verstaut ihn ebenfalls in einem Rucksack. Fred schaut sie weiterhin an: "Magst du uns erklären, was genau du vorhin gemacht hast? Warum hat dieser Kerl seine Waffe fallen lassen, als du es ihm gesagt hast?" Sarah denkt kurz nach; wägt ihre Worte ab. Dann erklärt sie: "Nun, genau kann ich es auch nicht erklären. Ich kann halt einfach sehr überzeugend sein. War ich schon immer, wobei es sich anders anfühlt, seit wir auf diesem Schiff wach geworden sind." Fred blickt skeptisch drein, hakt aber nicht weiter nach. Kaito unterbricht die Unterhaltung. "Es wird Zeit, dass wir den Gefangenen zum Captain bringen." Er übergibt Lieutenant Landon die Aufsicht über das Waffendeck. Beim Herausgehen vermeiden die vier, nochmal einen Blick auf die Leiche am Boden zu werfen.
"Crewman Wei Shen. Er kam etwa zwei Jahre vor dem Start der Unity zur Mission und wurde direkt der Schiffssicherheit zugeteilt. Ursprünglich kommt er aus New Los Angelos.", fasst Carl Walsh den Bericht zusammen, der auf seinem PDA erscheint. Der Captain nimmt die Informationen zunächst stumm zur Kenntnis und verschränkt dann die Arme. "Warum haben Sie sich illegal Zugang zum Waffendeck verschafft und Mitglieder der Besatzung angegriffen? Für wen arbeiten Sie? Etwa für die Children of Earth?", fragt er schließlich. Der Gefangene gibt sich jedoch unbeeindruckt: "Ich werde meine Kameraden sicherlich nicht verraten!" Dann verfällt er wieder in Schweigen. Garland versucht es mit weiteren Fragen, bekommt aber weiterhin keine brauchbaren Antworten. Kaito seufzt innerlich. So werden sie hier nicht weiterkommen. Das Verhör geht weiter, als Sarah auf einmal etwas im Augenwinkel registriert. Die Power-LED von der Kamera und dem Mikrofon an einer der Konsolen hat sich plötzlich aktiviert. Irgendwer sieht und hört zu! Sie überlegt kurz, ob sie den anderen etwas sagen soll, entschließt sich dann aber, erst einmal abzuwarten und geht langsam aus dem Sichtbereich der Kamera. Kaito bemerkt ihre Bewegung. "Ist irgendwas?", fragt er. Doch die Antwort, die er bekommt, stammt nicht von Sarah. "Glauben Sie wirklich, das Shen seinen Kameraden so einfach in den Rücken fallen würde? Nicht jeder ist so weich, wie Sie, Captain!", tönt es plötzlich aus den Lautsprechern auf der Brücke. Alle Anwesenden zucken zusammen und schauen sich kurz verwirrt um. Garland meldet sich als Erster zu Wort: "Wer ist da?"
"Ich bin Corazon Santiago, Captain, vom Sicherheitspersonal." Carl geht sofort die Personenlisten des Schiffs durch uns sendet die Ergebnisse an die anderen PDAs und Konsolen. Alle sehen einen tabellarischen Lebenslauf auf ihren Displays aufblitzen: Name, Corazon Santiago, Sicherheitsfunktionärin unter Commander Yang. Ein Lieutenant, verantwortlich für eine Division von Männern und Frauen, insgesamt über hundert. Strenge Gesichtszüge, hellbraune Haut, geboren in Puerto Rico, dann nach Mexico City umgezogen, letztendlich in New Los Angelos gelandet. Alles Städte, die sich zu Kriminalitätshochburgen entwickelten, in denen sich Bandenkriege abspielten, Brandstiftungen, Raubüberfälle, die in den letzten Tagen der Erde Bestandteil des normalen Lebens waren. Dunkelbraune Augen starren sie herausfordernd vom digitalisierten Bild an. "Möglicherweise wissen Sie bereits, dass ich aus dem Kälteschlaf aufgeweckt worden bin durch einen selbstausführenden Befehl, der in Ihrem System durch ... sagen wir mal, einen Freund von der Erde platziert wurde. Ich und einige andere Kollegen von mir sind Mitglieder der Sparta-Koalition. Kennen Sie uns?" Carl ruft weitere Daten ab und sendet sie an den Rets: "'Eine Gruppe radikaler Überlebender aus Los Angelos mit weitreichenden politischen Verbindungen. Entschlossen, für das Überleben der Menschheit im wachsenden Chaos des 21. Jahrhunderts zu sorgen. Hört sich so an, als seien Sie einfach eine von uns." Sie lacht. "Ich versichere Ihnen, dass ich Ihnen nichts antun möchte. Meine Leute und ich möchten nur einen ausreichend großen Teil der Schiffsvorräte erhalten und einen eigenen, abgetrennten Teil des Planeten zugeteilt bekommen, um unsere eigenen Ziele zu verfolgen." "Und wodurch unterscheiden sich Ihre Vorstellungen von den unseren? Stellen Sie unseren Überlebenswillen in Frage? Müssen Sie deswegen die gesamte Mission in Gefahr bringen?" "Schauen Sie sich um, Captain. Diese Mission stinkt vor Politik unter dem Deckmantel des Idealismus. Wir kümmern uns nur ums Überleben, schlicht und einfach, und dieser Fokus verleiht uns Macht. Wir möchten unsere Vorstellungen zu unseren Bedingungen realisieren." Die Augen des Captains zucken, als er versucht, ihre Forderungen zu verarbeiten und die Gefahr zu analysieren, die sie für das Schiff und die Tausenden Menschen im Kälteschlaf bedeuten.
"Warum sollten wir uns auf Ihre Forderungen einlassen?", fragt er schließlich. Santiago antwortet süffisant: "Nun, zum einen bin ich mir sicher, dass Sie doch bestimmt Ihren Sicherheitschef wohlbehalten wiederhaben wollen. Zum anderen könnte ich natürlich auch damit angefangen, mir Ihre Ingenieure einzeln vorzuknöpfen." Commander Zakharov lässt bei der Aussage unvermittelt einen russischen Fluch los, der Sarah zutiefst erröten lässt.
Kaito verliert die Geduld und schaltet sich in das Gespräch ein: "Haben Sie nicht mitbekommen, was mit dem Schiff los ist? Wir befinden uns in einer Notlage und müssen dringend Reparaturarbeiten durchführen, sonst werden wir alle im Weltall stranden und sterben! Erkennen Sie denn nicht, dass wir alle zusammenarbeiten müssen, wenn wir überleben wollen?" Die Antwort aus den Lautsprechern klingt belustigt: "Wen haben wir denn da? Einen weiteren Idealisten? Pass auf, Schoßhund der UN! Wir werden überleben, aber auf unsere Art." Kaito lässt nicht locker: "Aber wenn wir kooperieren, sind unsere Chancen zu überleben, viel größer. Sowohl hier, als auch später auf dem Planeten!" Santiagos Stimme nimmt einen harten, unversöhnlichen Ausdruck an: "Glaubst du wirklich, dass ich gemeinsame Sache mit Leuten, wie diesem pazifistischen Weichei von den Vereinten Nationen oder dieser blumenliebenden Hippie-Dame machen würde? Nein, danke!" Der Gesichtsausdruck von Pravin Lal und Deidre Skye verfinstert sich bei diesen Worten.
Garland versucht, die Kontrolle über das Gespräch zurückzubekommen: "Nun gut, Corozan. Lassen Sie uns nichts überstürzen. Ich bin sicher, dass wir eine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung finden können. Setzen wir unsere Verhandlungen fort. Es gibt keinen Grund für weitere Gewalt."
"Sprechen Sie mich niemals wieder mit meinem Vornamen an!", giftet es aus dem Lautsprecher. "Aber gut, verhandeln wir."
Zahkarov verdreht die Augen und gibt Kaito, Fred, Carl und Sarah ein Zeichen. Er verlässt wortlos die Brücke. Die anderen folgen ihm.
Die Tür hat sich kaum hinter ihnen geschlossen, als Zahkarov explodiert: "Das ist Zeitverschwendung! Der Captain ist ein Narr! Wir dürfen nicht zulassen, dass diese faschistische Spinnerin uns erpresst und die Reparaturarbeiten behindert." Kaito nickt langsam. Ihm gefällt nicht, in welche Richtung das führen könnte, aber Zahkarov hat nicht Unrecht. "Was schlagen Sie vor, Commander?" Der Gesichtsausdruck des Wissenschaftsoffiziers ist entschlossen: "Versuchen Sie, Commander Yang ausfindig zu machen und zu befreien. Und machen sie diese Santiago unschädlich." Kaito schaut sich kurz seine Gruppe aus Technikern und einer Biologin an. Gegen schätzungsweise mindestens 60 bewaffnete Meuterer, deren genauen Standort sie nicht kennen. "Wir werden dafür Verstärkung brauchen.", meint er schließlich. "Die sollen sie bekommen, Lieutenant. Ruhen Sie sich etwas aus. Ich werde dafür sorgen, dass weitere Leute aufgeweckt werden, die Sie unterstützten können."
Der Zugang zur Brücke öffnet sich erneut und Deidre Skye betritt den Gang. Sie ignoriert die übrigen Anwesenden und wendet sich direkt an Sarah: "Wir sollten noch die Hydrokulturen überprüfen. Ich hoffe, dass die Gärten nicht ebenfalls zerstört wurden. Begleitet du mich, Sarah?" Das Gesicht der jungen Biologin hellt sich auf: "Natürlich!" Sie lassen den Rest im Gang zurück und machen sich gemeinsam auf den Weg.
Sarah atmet erleichtert auf, als sie das grün der unzähligen Bäume und Pflanzen im Hydrokultur-Modul 1 erblickt. Vor ihr erstreckt sich ein riesiger Garten aus verschiedensten Pflanzen, die die Unity für die Kultivierung auf der neuen Welt mitführt. Die letzten Beweise für die Wunder des Lebens, dass die Erde einst bevölkerte. Eine wahre Arche Noah.
Sie zieht sich ihre Schuhe aus, um die Erde an ihren Füßen zu spüren. Endlich was anderes als dieses verdammte kalte Metall, was sie ansonsten überall umgibt. Deidre Skye tut es ihr gleich und schreitet neben ihr her, während sie die Pflanzen in Augenschein nimmt.
"Die Pflanzen hier scheinen relativ gesund zu sein, insgesamt gesehen. Ich schätze, dass circa zwei Drittel die Reise gut überstanden haben."
Ihr Gesichtsausdruck nimmt kurz einen leicht verträumten Ausdruck an, als sie mit der Hand über einige Blätter streicht. Dann wird sie jedoch wieder ernster. "Die jüngsten Ereignisse sind wahrlich besorgniserregend, Sarah. Der Tag muss hart für dich gewesen sein." Sarah dreht sich zu der Chef-Botanikerin, die in der Zeit vor dem Start zu so etwas wie einer Vertrauten für sie geworden ist, um. Sie fühlt, wie die Anspannung langsam etwas von ihr abfällt und sie erzählt Deidre von ihren Erlebnissen seit dem Aufwachen. Die andere Frau hört ihr einfühlsam zu. Nachdem Sarah mit ihrem Bericht geendet hat, überlegt sie kurz. Dann fährt sie fort: "Das ist noch was anderes. Etwas merkwürdiges, was ich nicht verstehe. Ich weiß, dass Träume während des Kälteschlafs als unmöglich gelten. Und trotzdem habe ich noch während der Kryostase geträumt und es fühlte sich unglaublich real und sonderbar an."
Deidres Augen weiten sich bei diesen Worten: "Hast du auch den Planeten gesehen und die Stimme gehört?"
Sarah ist verwirrt: "Hattest du diesen Traum etwa auch?"
Der Gesichtsausdruck der anderen Frau wird nachdenklich: "Ich bin nicht sicher, ob es wirklich ein Traum war. Eine seltsame Stimme fragte mich, warum ich hier sei und hieß mich willkommen."
Sarah verzieht das Gesicht: "Anscheinend war deine Antwort besser als meine. Ich wäre fast ertrunken."
"Trotz des unterschiedlichen Endes kann es kein Zufall sein, das wir beide dieselbe Art von Traum oder Vision hatten. Wir werden das weiter untersuchen müssen." Deidre Skye seufzt. "Aber zunächst lass uns uns unsere Kontrolle der Hydrokultur beenden. Wir werden diese Pflanzen und ihre Ernte noch bitter nötig haben.
Fred blickt den beiden Biologinnen mit leerem Blick hinterher, als sie zur Hydrokultur gehen. Er kann immer noch nicht fassen, dass er heute einen Menschen getötet hat. Dafür hat er sich nicht zur UNITY-Mission gemeldet. Warum hatte er sich nur von Svensgaard zu diesem Irrsinn überreden lassen? Wäre er doch nur auf der Erde geblieben. Die furchtbaren Bilder von dem zerschmetterten Körper haben sich geradezu in seine Netzhaut eingebrannt.
Als sich eine Hand auf seine Schulter legt, zuckt Fred erschrocken zusammen. Zakharov mustert ihn mit besorgten Blick: "Sie sehen wirklich nicht gut aus." Fred nickt nur stumm. Der alte Wissenschaftler überlegt kurz. Dann sagt er: "Kommen Sie mal mit."
Gemeinsam gehen sie zum Quartier des Commanders und treten ein. Fred schaut etwas verwirrt drein. Zhakarov weist auf einen Tisch mit zwei Stühlen: "Setzen Sie sich." Dann geht er zielstrebig zu seinem Bett und öffnet die Wandverkleidung darüber. Zum Vorschein kommen eine Wodkaflasche. Er schenkt zwei Tassen ein und schiebt eine zu Fred herüber. Der macht große Augen. Der alte Russe zuckt nur kurz mit den Schultern: "Beruhigt die Nerven." Er erhebt seine Tasse: "Sie haben heute gute Arbeit geleistet und ihre Kameraden beschützt, als es darauf ankam. Leute wie Sie werden wir bei den Herausforderungen, die uns noch bevorstehen, dringend brauchen!". Unsicher erhebt auch Fred seine Tasse. Die beiden stoßen an und leeren ihre Becher in einem Zug.
Ein Hauch von Wehmut erscheint auf dem Gesicht des Wissenschaftsoffiziers. "Ist Ihnen bewusst, dass das hier vermutlich der letzte Wodka im ganzen Universum ist? Aber bald brennen wir unseren eigenen Wodka auf einer neuen Welt! Wir werden die Erde auf diesem Planeten neu erblühen lassen ... allerdings unter einem neuen Blickwinkel ... der Wissenschaft. Das hier ist der größte Forschungsauftrag der Menschheitsgeschichte ... ein ganzer Planet!"
Er schenkt den beiden beiden nach. Fred fängt tatsächlich an, sich ein wenig zu entspannen. "Sie sollten sich jetzt ausruhen gehen, Mr. Krayenborg. Sie haben es sich verdient." Fred nickt dankbar und verlässt Zakharovs Kabine.
Eine Nachricht erscheint plötzlich auf dem Handterminal von Carl. Als er den Inhalt liest weiten sich seine Augen vor Erstaunen: "Hallo EmberStr!ke, schön, dass du auch schon wach bist. Wie geht's so? Gruß, Sinder Roze" Das kann doch nicht sein. Ist er etwa auch hier auf dem Schiff? Hastig fängt er an, seine Antwort einzugeben. "Mir geht angesichts der Umstände erstaunlich gut. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass du auch hier sein würdest." "Als ob ich mir diesen Spaß entgehen lassen würde. Apropos: Wie laufen deine Nachforschungen?" Resignation breitet sich auf Carls Gesicht aus. "Ich bin noch nicht dazu gekommen." "Verständlich. Das wird schon. Halt die Ohren steif. Du kannst mich über diesen Kanal kontaktieren, wenn was sein sollte." "Danke, dass weiß ich zu schätzen." Carl blickt sich kurz um, ob ihn jemand beobachtet hat. Dann verschlüsselt er den Chatverlauf und macht sich auf den Weg zur Kältekammer. Wenigstens eine positive Nachricht heute.
Kaito geht noch einmal zurück auf die Brücke. Der Captain hat seine Unterredung mit Santiago vorerst pausiert und sitzt einsam vor einem der Terminals. Als er Kaito sieht, winkt er den Lieutenant zu sich heran. Kaito kommt es vor, als wäre Garland innerhalb eines Tages um Jahre gealtert. Er wirkt müde. "Was für ein einziges Chaos. Als man mir das Kommando für diese Mission anbot, wäre mir im Traum nicht eingefallen, dass sowas passieren könnte." Kaito nickt: "Damit war auch nicht zu rechnen, Captain." "Und trotzdem müssen wir diese Situation jetzt irgendwie lösen. Ich will auf jeden Fall eine weitere Eskalation und Tote vermeiden." Dem kriegserfahrenen Soldaten kommt es wie naives Wunschdenken vor, aber er antwortet diplomatisch: "Sicher." "Ihr Vorgehen bei der Waffenkammer entsprach nicht meinen Befehlen, war rückblickend aber durchaus gerechtfertigt. Ich mache mir nur Sorgen, auf welchen Pfad das uns führt." Garland blickt wieder auf das Terminal. "Ich werde meine Bemühungen um eine Kompromisslösung fortsetzen. Sie sollten sich jetzt ausruhen, Lieutenant. Mittlerweile sollten weitere von der Sicherheit aufgeweckt worden sein. Wir brauchen Sie fit." Da gilt nicht nur für mich, schießt es Kaito spontan durch den Kopf. Aber er behält den Gedanken für sich. Er salutiert dem Captain und entfernt sich.
Das Kältedeck, auf dem sie erwachten, liegt nicht mehr verlassen dar, als die vier zurückkehren. Mehrere Techniker aus Zakahrovs Team haben damit begonnen, die Kältekammern mit Schaumstoffpolstern aus einem der Frachträume in Betten zu verwandeln. Beim Bau der Unity waren aus Platzgründen nur für die obersten Führungsoffiziere eigene Quartiere vorgesehen worden. Sarah erschaudert, als sie die sargähnlichen Betten betrachtet. Alles in ihr sträubt sich dagegen, sich da jemals wieder hineinzulegen. Aber auch sie merkt das dringende Bedürfnis ihres Körpers nach Ruhe von den Strapazen.
Ohne große Worte sucht jeder aus dieser durch Zufall zusammengewürfelte Truppe seine ehemalige Kältekammer wieder auf. Der erste Tag fordert seinen Tribut. Noch drei Tage, um das Schiff und diese Mission zu retten.